Westerham, 15. August 2008
Liebe Freunde und Unterstützer,
seit ein paar Tagen bin ich wieder zu Hause. Fast ein Jahr ist vergangen. Viel zu schnell und doch so kurz.
Die letzten 11 Wochen sind für mich wahrlich verflogen. Eigentlich wollte ich noch einen Rundbrief aus Bolivien schreiben, aber ich habe es kaum geschafft, irgendwelche Nachrichten zu versenden.
Der Abschied in Kami war überstürzt. Aufgrund von Lehrerprotesten zur Lohnerhöhung beschloß die Regierung einfach mal die Ferien zu verlegen. Auch wenn ich noch eine Woche nach Ferienbeginn im Dorf verweilte, so würden zumindest die Internatsschüler erst nach den Ferien wieder auftauchen. Es gab ein paar feuchte Augen, ein paar Geschenke, wie immer die Frage : „Kannst Du nicht länger bleiben?“ und die Aussage „Uns lassen alle allein.“ Und dennoch irgendwann war es soweit. Ich sollte aufbrechen aber zum entwöhnen erstmal noch nicht nach Deutschland, sondern in das schöne Arani zum Kinderheim. Mein Weg dorthin führte an Ansaldo vorbei, wo ich mit den Postulantinnen an 8-tägigen Exerzitien teilnahm. Das war eine einmalige Chance und auch wenn ich vorher Zweifel hatte, so bereute ich es nicht im geringsten, dabei gewesesn zu sein. Vielleicht ginge es auch in Deutschland, aber das waren Exerzitien in einer ganz anderen Atmosphäre, durfte ich doch mit Noviziatsanwärterinnen beten, die einen anderen Zugang haben und einen auch anders in ihre Gruppe integrieren als irgendwelche Jugendlichen – und dann natürlich Ansaldo, ein Ort wo mehr Quechua als Spanisch gesprochen wird und man nicht wie in Kami ständig Motorräder hört ( die italienischen Nachbarn, ein Arzt , irritierten schon beim Meditieren
)
Und schließlich Arani, als schon bekanntes Gesicht hatte ich dort fast keine Probleme. Ich wurde von den Kindern mit wirklich offenen Armen empfangen. In den Ferien wurde die Zeit für Spaziergänge und einmal sogar für einen Ausflug zu einem Park in Cochabamba genutzt. Besonders schön fand ich auch den Besuch der Jugendlichen. Im Heim in Arani sind sie bis zur 8. Klasse, dann geht es in die Stadt und aufs Colegio. Die meisten der Jugendlichen aus der sogenannten Casita sind große Geschwister der Kinder in Arani, da fließt dann auch mal die eine oder andere Träne, wenn sich der Besuch des Abends verabschiedet. Nach fast vier Wochen Ferien, glaubte ich dann, die Schule würde wieder losgehen. Das hielt auch fast eine Woche an – dann erneute Streiks. Diesmal reagierte der Staat nicht mit Ferien. Nun begannen die Lehrer um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen auch die Strassen zu blockieren und wegen des nahenden Referendums machte die COB (centro obrero boliviano – bolivianisches Arbeiterzentrum) mobil. Ab irgendeinem Zeitpunkt blickte ich fast nicht mehr durch, wer, warum,aber die Mineros machten Potosí und Oruro unsicher, die Campesinos das Land und Madre Encarna, meine neue Oberin riet mir einfach nur, nicht mehr kurz vor Schluss zu verreisen und am besten im sicheren Heim zu bleiben. Also genoß ich den letzten Monat mit den wirklich herzlichen Kindern. Die letzte Woche reisten wir um 5 Uhr morgens nach Cochabamba (glücklicherweise hatten die Straßenblockaden diesmal feste Zeiten mit Nachtruhe) und dort blieb ich bei den Jugendlichen in der Casita.
Mein Heimflug wurde auch ein Abenteurer, weil es in La Paz schneite. Aber sagen wir einfach mal, daß ich dank glücklicher Umbuchungen nochmal Madre Silvia in Santa Cruz treffen durfte – meine ursprünglich allererste Oberin in Kami – und dank Überbuchungen auch noch einen Tag bekam, Santa Cruz kennenzulernen. Dann endlich mit einem Tag Verspätung kam ich nach Hause – UND – ich wagte es nicht zu glauben – am Mittwoch tauchte sogar all mein verschwundenes Gepäck auf.
Der Koffer ist seit heute ausgepackt, vor mir liegen ein Haufen Erinnerungen, saubere, dreckige und notddürftig gewaschene Kleidung, jede Menge Geschenke, die ich bekam oder die ich verschenken möchte und der Wunsch alles im Kopf behalten zu können – was ist es, was man nicht vergessen will?
1. der Straßenjunge, der in der Abenddämmerung in Cochabamba Fernseh schaute, einer dieser Fernseher, die die DVD-Strassenverkäufer an ihrem Ladentisch haben. Er liegt auf dem Gehweg, keiner schimpft ihn oder schickt ihn weg, er hat ein bißchen Ruhe und Frieden gefunden, diese Ruhe, dieser Frieden erschienen mir so wertvoll, dass ich es nicht wagte ihn durch einen Fotoaparat zu stören; ich wagte es nicht mal ihm etwas zu schenken, aus Angst er würde sich bewusst werden, dass die Leute ihn sehen, ihn anschauen und es mit seiner Ruhe vorbei ist und er wieder weggehen muss;
2. die vielen weinenden Gesichter, aus denen ich einen potenziellen Fotoaparaträuber erkennen sollte, Kinder die ins Gefängnis sollten, deren Gesichter aber nichts von Verwegenheit oder Lust am Diebstahl zeigten, Verbrecher, die über ihr Verbrechen weinten
3. die vielen Leute, die etwas zu ändern versuchen, auf ihre Art, mit den einen versteht man sich gut, mit den anderen kommt man nie zurecht und wiederum andere lernt man verstehen, zwei dieser Leute: Madre Lía und Madre Alejandra. Madre Lía hat es mir nicht leicht gemacht, aber wir haben uns schätzen gelernt. In den letzten Tagen stammten die meisten Anrufe, die ich bekam, von ihr, ihr allerletzter: „Es schneit in Kami, willst Du nicht Skifahren kommen?“ (In zwei Stunden sollte ich fliegen.) Madre Alejandra ist aus Spanien und auf die Frage, ob sie Bolivianerin ist, sagt sie: „40 Jahre in Bolivien“ Sie ist schon älter, aber noch topfit, sie begleitete mich am Flughafen und dank ihr habe ich vielleicht überhaupt meinen Flieger bekommen, obwohl es in La Paz schneite und die Maschine kaputt war. Als wir uns verabschiedeten, sah ich das erste mal Tränen in ihren Augen, dann ging sie.
Und ich auch. Ich kam mit drei Tuben Zahnpasta aus, zwei Shampoos, zwei Duschgels und ein bißchen Sonnencreme, ich habe ihnen ein bißchen gegeben und sie haben mir alles beigebracht, mit mehr oder weniger Geduld und am Ende hatte ich eines der größten Geschenke bekommen die es für mich gibt, ein anderes Land in allen Jahreszeiten kennenzulernen: in Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Ihr habt mich in diesen Jahreszeiten begleitet, in den Gefühlen, die ich dabei hatte, in den Ängsten und Freuden, im Zweifel und in der Sicherheit, und auch wenn ich nicht jedem einzelnen schrieb, nicht jede Mail beantwortete und nicht an jedem Geburtstag von mir hören lies (was mir aufrichtig Leid tut) so habe ich an Euch alle gedacht und wusste, daß Ihr die eine oder andere Zeile meiner Briefe lest und an mich denkt.
Danke
Viele liebe Grüße
Theresia Knopp