Tja, wie viel an einem Tag passieren kann. Ich hätte, wen Zeit gewesen wäre nämlich gestern schon einen Haufen schreiben können.
Der Donnerstag ging, mit einer für alle schlaflosen Nacht los, wobei meine Schlaflosigkeit eher von der angenehmen Art war. Ich habe mir nämlich nur in allen möglichen Farben ausgemalt, wie der Donnerstag sein würde, weil ich da das Versprechen traditionelle Kleidung zu tragen, einlösen musste.
Angefangen hat die Geschichte damit, dass ich mir am Sonntag zwei Zöpfchen gemacht habe, was hier typisch ist. Ich wusste, das es Folgen haben würde, aber welche, wusste ich nicht. Hilaria und Elisa nahmen mir dann das Versprechen ab, am Donnerstag mit ihrer Kleidung in der Schule zu erscheinen.
Der Donnerstag ging auch richtig lustig los. Ich bin brav um halb sechs aufgestanden, wie alle im Internat (was ich sonst nicht tue), um rechtzeitig ein sauberes Gesicht zu haben und gekämmte Haare. Die Mädchen klopften aber dann doch erst um halb sieben, weil Vormittags das Internat geputzt wird und eine andere Gruppe bereitet das Frühstück. Dafür hatte ich dann in meinem Zimmer (das so groß ist wie mein Bett mal zwei, und auf dem verbleibenden Platz befindet sich ein Nachtkästchen, ein Hocker und ein Regal) gleich drei Gäste – die versuchten sich irgendwie zu stapeln. Ich bekam einen Rock von Elisa, einen Unterrock von ich weiß nicht wem, eine Bluse von Hilaria, Strickjacke von Anselma und Schuhe von Nora. Als sie mich dann ausstaffiert hatten versuchten drei auf einmal mir zwei Zöpfe zu flechten, am Ende setzte sich Hilaria durch.
Die Schwestern hatten natürlich ihren Spaß, als ich beim Frühstück erschien. Madre Silvia hat auch gleich ein Photo gemacht, das blieb aber leider das einzige.
Beim Frühstück erfuhr ich nämlich dann, dass die Schwestern auch kaum geschlafen hatten. In der Nacht haben, so wie ich es verstanden habe, 8 Leute den Nachtwächter überfallen sowie die Portera (wie sagt man da im Deutschen?). Die Einbrecher haben sich zielstrebig den Schlüssel zum Computerraum besorgt und dort ebenso zielstrebig die neusten Computer mitgehen lassen, sowie bei den anderen, mit den Schraubenziehern, die sich in einem Schrank im Raum befanden, die besten Teile ausgebaut. Der Nachtwächter schaffte es dann, fragt mich nicht wie, eine der Schulglocken anzuschalten und die Portera schrie um Hilfe, so dass die Schwestern aufwachten. Glücklicherweise haben die Einbrecher nicht gleich beschlossen den Nachtwächter zu töten und durch die Intervention der Schwestern machten sie sich aus dem Staub.
So konnte ich zwar das Frühstück aufheitern, aber das war’s dann auch. Es ist das erste mal, das so was passiert. Da das Schulgelände sehr weitläufig ist, haben wir im Internat zum Beispiel gar nichts bemerkt. Eigentlich ist die Schule auch rundum abgeriegelt, aber das hat wohl nichts genützt.
In meiner schönen Kleidung machte ich mich dann wieder auf den Weg zum Internat, wo ich einen Vorgeschmack von dem bekam, was mich in der Schule erwarten würde, mir pfiffen sogar die zehnjährigen hinterher, mit der Aussage “linda cholita”. Linda heißt soviel wie hübsch und cholita ist das Wort für ein Mädchen in eben dieser Kleidung.
War ich froh, dass mich Maura und Helen zur Schule begleiteten. Weiß nicht, ob ich’s alleine geschafft hätte die “Aula” zu durchqueren. Es ist schon ein krasses Gefühl, wenn einem mehr als hundert Schüler hinterher johlen und pfeifen. Als ich dann die andere Seit der Aula erreicht hatte, wo “meine” Klassen sind, beruhigte sich das ganze, dafür wurde ich von fast allen angestarrt.
Die Lehrer hatten natürlich anderes im Sinn. Sie hatten eine Versammlung per Radio “Kami” mit den Eltern einberufen (um 7 Uhr morgens, es waren sogar die Eltern gekommen, die eine halbe Stunde oder mehr Fußmarsch zurücklegen mussten) und die Polizei war auch schon da. Einen kurzen Blick konnte ich auf den Informatiklehrer erhaschen. Er trug nicht wie sonst seine Sonnenbrille, überhaupt, seine ganze Coolness war weg, wo er doch der Lehrer war, der im Unterricht MP3s im Hintergrund laufen hat, nur auf Bitten von Madre Silvia leiser dreht (nicht abschaltet) und selbst im dunklen Computaciónssaal nicht auf seine Brille verzichtet und vor allem immer lächelt. Seine Brille hing traurig in seiner Hemdtasche. Sein Lächeln war weg, Blick nach unten und in der Hand ein halb entleerter Computer. Er tat mir wohl von allen beteiligten am meisten Leid.
Ich schreib bald mehr, muss jetzt Essen kochen.
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Ein Essen später:
Kurz nach dem Morgenappell, als ich eigentlich in den Unterricht wollte, kam Hilaria zu mir, ziemlich in Panik und aufgelöst. Angeblich würde sich die Madre Silvia sehr ärgern / aufregen und diejenigen von der Schule schmeißen, die mir die Kleidung geliehen haben, oder so ähnlich. Ich konnte zwar nicht ganz glauben, was ich da hörte, vor allem, weil mir Madre Silvia doch extra die Kamera geliehen hatte (digital), aber vielleicht hatte sie, wie ich, nicht mit so einer krassen Reaktion der Schüler gerechnet, oder sie war einfach wegen allem ein bisschen aus dem Häuschen. Sollte vielleicht noch anmerken, dass es an diesem Tag sehr kalt war, regnete und Wind ging und ich von jeder zweiten (nur ein Junge hat sich getraut mit mir zu reden, wie immer) gefragt wurde ob ich nicht friere und Madre Silvia hat vielleicht gedacht, da ich gesagt hatte, ich bin dabei ein Versprechen einzulösen, dass diejenigen es nicht zulassen würden, dass ich mich umziehe, trotz der Kälte. Aber wie dem auch sei, ich rannte (was nicht ging, da meine Schuhschnallen genagelt waren und ich aufpassen musste, dass die Nägel nicht rauskommen) zu meinem Zimmer, was diesmal ein relativ langer Weg war, weil die Abkürzung am Tatort vorbeiging und dort wurde alles abgeriegelt, weil man auf einen Spezialisten aus Cochabamba warten wollte. Zog mich so schnell wie möglich um, machte mir aber keine Sorgen, da Profesoria Gregoria meist zu spät dran ist. Hetzte zurück zur Schule und hatte mal wieder mein typisches Problem. Hier sehen alle Klassenzimmer fast gleich aus und ich habe in nebeneinander liegenden Klassenzimmern Unterricht, wie sollte ich jetzt also rausfinden in welchem gerade Gregoria verschwunden ist. Glücklicherweise fand ich jemandem zum Fragen und so klopfte ich an der richtigen Türe, wo gerade die Anwesenheit überprüft wurde. Es kam natürlich gleich der enttäuschte Kommentar: “Aber ich wollte doch Unterricht mit Cholita haben.” Und Gregoria fragte ich, ob mir zu kalt gewesen wäre. Da ich Madre Silvia nicht in ein schlechtes Licht stellen wollte gab ich keine wirkliche Antwort. Den Unterricht verbrachte ich hauptsächlich mit zuschauen, was aber nicht schadet, weil es drei parallel Klassen sind, wo ich dabei bin, und dann kann ich beim nächsten Kurs schon mehr tun.
In der Pause schaute ich im Lehrerzimmer vorbei, was eigentlich ein ganz nettes Erlebnis war. Eine Lehrerin meinte, dass sie sich in der Früh fragte, warum die Jungs so einen Radau machen. Sie hat mich nicht erkannt und gerätselt, wo dieses Mädchen herkommt, mit so klaren Augen, sie muss aus Chapare sein oder so, da gibt es so schöne Mädchen, aber was will die hier. Erst auf Nachfrage hat sie mich dann erkannt. Auch Profesora Noemy, meine Spanischlehrerin war begeistert, alles Original, meinte sie, sogar die Schuhe. Die Lehrer glaubten, dass das mit Madre Silvia ein Missverständnis gewesen sein muss, weil sie heute so im Stress war. Um die Zeit war die Arme schon auf dem Weg nach Independencia zu einer Versammlung, die bis spät in die Nacht dauerte. Madre Lía wollte ihr noch ein bisschen Essen andrehen, aber Silvia hatte keinen Hunger, so hat sie nicht mal Butterbrot zu Mittag gegessen.
Nach der Pause ging ich dann in eine dritte Klasse (ca. 18-jährige) weil mich Helen gefragt hatte, ob ich nicht bei ihnen vorbeischauen will. Der erste Teil des Unterrichts verging damit, dass Profesora Gregoria darum bat, dass wenn irgendwer etwas wisse, es umgehend melde. Die Vermutung war, dass ehemalige Schüler oder sonst jemand mit Verbindung zur Schule eingebrochen war, da sie nur die guten Computer mitgenommen hatten und wussten, wo die Schraubenzieher waren. Und mit der Mitteilung, dass die Versammlung in der Früh beschlossen hatte, dass jede Familie 5 Bs zahlen musste für die Anreise des Spezialermittlers.
Dann musste die Profesora auch schon weg, weil heute war aus bekanntem Grund, der Tag der Versammlungen. Und dann stand ich dann zum ersten mal alleine vor einer Klasse, mit dem Auftrag ihnen etwas neues zu erklären, und sie waren auch noch fast so alt wie ich. Aber brav. Ich sollte eine Einheit über “countable and uncountable nouns” machen und einige Wörter aus dem Themenbereich Essen. Sie schrieben fast alles mit. Allerdings musste ich fünfmal erklären, was some und any bedeutet und dann kam das liebe alte Brot Problem, vor allem hier in Bolivien. Aber Brot kann man doch zählen! Kein wunder, wenn es hier keine Laiber zu kaufen gibt sonder plattgedätschte Semmeln. Die kann man natürlich zählen. So konnte ich auch meine Versuch mit Brotschieben was zu erklären aufgeben. Glücklicherweise kam in diesem Moment die Profesora zurück und meinte nur, das Brot aus Teig besteht, aus Mehl, und dass man das nicht zählen kann. Das hat die Schüler dann befriedigt. Danach gab es gemütliches Essen, weil es die letzte Stunde war. Wobei das wirklich essen bedeutete. Jeder bekam Kekse, Plätzchen und Kaugummi aber auch Brot und in der Mitte war das Lehrerpult mit Nudeln und Reis, die man mit den Fingern von der Plastikfolie kratzte.
Meine erste richtige Englischstunde, aber Marcelina, die in dieser Klasse ist, meinte sie hätte es verstanden. Den Rest des Tages verbrachte ich nicht mit Hausaufgabenbetreuung, weil kaum noch einer was auf hat. Ich schrieb stattdessen “recuerdos” (Erinnerungen) die hier am Ende des Schuljahres von den Schülern ausgetauscht werden. Du bekommst ein Blatt Papier, dass Du zu füllen hast. Wobei die hier ziemlich schnulzig drauf sind: Herzchen und Blümchenrand und was weiß ich.
Und am Abend war dann Abschiedsparty. Von den Viertklässlermädchen und den 8-Klässlerjungs, die dann auf’s andere Internat gehen. Ich muss sagen, Madre Ana-María ist echt der Hit. Sie ist bis 20 nach Zwölf aufgeblieben und hat sogar organisiert, dass wir den Videofilm, der für die Organisation “Fé y alegria” vom Internat gedreht wurde, anschauen durften. Nach dem Film ging’s mit dem Tanzen los. Hier fern der Stadt, tanzt man auch richtig typisch bolivianisch. Da wird sich in zwei Reihen gegenüber gestellt und bewegt. Die Madre nutzte diese Aufstellung um mit einem Tablñet Cola (extra für diesen Tag besorgt) und Marmelade bzw. Käseröllchen (die unserem Strudel ähnelten) durchzugehen. Die Madre hatte für alle gebacken. Um Zwölf wurde die Musik abgschalten, aber da wurde es dann richtig traurig. Vor allem für die Mädchen war es schwer, weil sie nie wieder kommen werden. Eine hatte 9 Jahre ihres Lebens im Internat verbracht. Bei ihren Danksagungen an ihre Kameraden und die Schwestern flossen natürlich die Tränen. Sie sind in der selben Nacht um 4 Uhr abgereist. Die Jungs drückten sich in absolutem Schweigen aus, was aber in etwa genauso viel aussagte, wie die Madre treffend bemerkte.
Sie meinte aber, dass die “chicos” schon wieder kommen würden, mit einem Grinsen “um zu stören, und um zum Friedhof (Plazaersatz) zu gehen”.
Am nächtsen Tag, heute, waren wir dann auch alle dementsprechend müde.
Heute hatte ich dann mal Hardcoreunterricht. Versuch mal 15-jährigen was zu erklären, wenn die Hälfte grade außerhalb des Klassenzimmers ist um 5 Bs zu bezahlen und du bei jedem wiederkommenden neu anfangen musst. Mindestens zwei kein Buch haben. Eine Seite, die die Schüler brauchen um die Aufgabe zu erledigen in ihrem Buch fehlt, weil die Lehrerin sie mal Schulaufgabe eingesammelt hat und dieselbe dringend in eine Besprechung muss. Allerdings hatte ich 45 Minuten um die Wörter Großmutter, Tante, Onkel Cousin/e, und Neffe/Nichte zu erklären, sowie einen Stammbaum zu malen. Und in 45 Min. schafft man das auch mit der schlimmsten klasse, aber meine Drittklässler vom Vortag habe ich schon vermisst.
Danach war ich wieder im Quechuaunterrricht, und die Höflichkeit von Profe Gregoria ist manchmal zu groß. Sie verließ mal wieder das Klassenzimmer, nachdem sie uns einen Arbeitsauftrag gab. Da ich keinen Tisch hatte, bot sie mir das Pult an. Natürlich prima Motivation für die Schüler mich zu verarschen. Wie geht das, was heißt Esel auf Quechua etc., denn im Quechuaunterricht bin ich alles, bloß kein Lehrer.
Interessant war in dieser Klasse die Anwesenheitsüberprüfung: “Profe, gestern war ich nicht da,” schaukelt in seinem Stuhl lässig zurück “da habe ich in den Minen gearbeitet.”
Und am tollsten sind die Diskussionen auf Quechua, wie Quechua richtig geht, natürlich habe ich genau sowenig verstanden, wie in der Messe, die am Vortag komplett auf Quechua, ausgenommen der Lesungen und des Evangeliums, vom italienischen Padre, gehalten wurde (Er ist seit 29 Jahren in Bolivien).
Dann attackierten mich heftigste Bauchschmerzen und ich verkroch mich in mein Bett, ohne Mittagessen. Da Madre Silvia mit Maria Isabel schon am Morgen (Vor dem Frühstück – die Madre kann einem nur Leid tun) nach Cochabamba gereist ist, Made Lía im Kindergarten war und Madre Ana-María genügend Arbeit mit den Internos hat, hat mich auch keiner vermisst. Diesmal wurde vom Internat auch nur eine Portion essen rübergetragen, für mich. Die aß ich dann um vier, weil’s mir fast wieder gut ging. So gut, dass ich mein Versprechen einlöste, Freitags abends zu kochen. Dafür suchte ich aber erstmal Madre Ana-Maria um zu fragen, wie viele wir überhaupt sind. Sie war gerade dabei, und es ist wirklich zutreffend, wenn die Internos sagen sie ist ihre Madre oder Abuela (Großmutter), Maria Isabel zu waschen. Ich fand sie im Waschraum der Mädchen wie sie Marias Arme abschrubbte.
Eine relativ gelungene Suppe, und ein paar missglückte, aber angeblich gut schmeckende Pfannkuchen später, fragte mich Madre Lía ob ich sie nicht zur Schule begleiten könne. Sie hat nämlich seit gestern alleine Angst. So war ich auch grade oben im Colegio. Der Informatiklehrer ist schon wieder fast fit, aber er trägt seine Sonnenbrille noch immer nicht Nachts. Auch habe ich den Lehrer getroffen, der das Video drehte. Als er hörte, dass ich es nach Deutschland schicken wolle, meinte er, dass er es mir gibt, damit ich den Text übersetze und er macht dann Untertitel. Er ist halt hypermotiviert.
Da Madre Ana-Marí bei den Internos schläft und Madre Lía heute alleine ist, aber noch ein paar mal zur Schule muss, werde ich heute im Haus der Schwestern schlafen, damit Madre Lía sich wohler fühlt.
Desweiteren übernachten heute drei Lehrer in der Schule.
Wie Profesora Gregoria richtig bemerkte, sind wegen diesem Zwischenfall alle erschüttert, die Schwester, die Lehrer, die Schüler und die Eltern.
]:)
Also Resi das Foto ist echt klasse! Du schickst das Video nach Deutschland? Dann hoffentlich an eine Stelle, wo ich es auch mal sehen kann!!!
Was für eine Suppe hast du denn gekocht? Der Andru meinte doch du müsstest ihm noch unbedingt das Rezept von dem Gulasch geben. Das hättest du doch auch machen können, oder hattet ihr dafür nicht alles da (oder war es evtl. zu teuer, ich kenn mich da mit den Preisen nicht so aus)?
Wünsch dir noch ne schöne Zeit!
vlg
Machtin die Ulme
aka Skinfaxi
Ach Mist! Der macht das Emoticon ja gar nicht
(hoffentlich geht das jetzt)!
portera heisst Hausmeisterin, Pfoertnerin, sagt leo.org
kleine Uebersetzungshilfe
Gruss Mama
Hallo Resi !
Von Anfang an verfolge ich deine Berichte. Ist ja mächtig was los. Ist für Abwechslung gesorgt. Da wird es nicht langweilig. Ich wurde in Peru bestohlen und in Rio zwei mal, auf offener Straße und am hellichten Tag, überfallen. Ein drittes war ich zum Überfall markiert. Ich hatte immer Glück, bei mir war nichts zu holen.
Wir wünschen Dir noch eine schöne Zeit und viel Glück.
Paß auf dich auf.
schöne Grüße aus Amberg
Rosi und Günter